Interview mit Dr. Olivier Marmy, Experte für Zahnmedizin
Welches sind heute und morgen die wichtigsten Entwicklungen und Trends in der Zahnmedizin? Ein Spezialist, dessen Meinung uns sehr interessiert, ist Dr. Olivier Marmy: erfahrener Praktiker, ehemaliger Dozent an der Universität Genf und Mitglied des Vorstands der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO).
Dr. Olivier Marmy, Experte für Zahnmedizin
Herr Dr. Marmy, wie haben sich der Zahnarztberuf und der Markt der Zahnmedizin im Lauf der letzten zehn bis zwanzig Jahre entwickelt?
Deutlich verändert haben sich Behandlungsphilosophie, Technik und Marktorganisation. Erstens: Es ist eine Entwicklung hin zu weniger invasiven und weniger aggressiven Behandlungsansätzen nach dem Motto «less is more» zu erkennen. Die Behandlungsindikationen werden restriktiver und nicht selten ist einfaches Unterlassen die beste Option. Zweitens: Die digitale Radiologie und der «digitale Workflow» ermöglichen eine ausschliesslich digitale Restauration von A bis Z. Drittens: Bei der Organisation des Marktes geht der Trend in Richtung Zusammenschluss von Praxen und Entstehung grösserer Strukturen wie Kliniken und medizinische Zentren.
Welche Veränderungen erkennen Sie bei den Patientenbedürfnissen?
Die Patientinnen und Patienten erwarten vermehrt eine offene Kommunikation und die Fähigkeit, Informationen verständlich zu vermitteln. Sie nehmen auch ihr Recht auf Mitsprache wahr. Ein weiterer Faktor ist das Kostenbewusstsein. Dieses beeinflusst die Haltung und die Beziehung zum Zahnarzt. Die Patienten entscheiden mit, was ich persönlich äusserst positiv finde. Zu beobachten ist schliesslich die deutliche Zunahme der medizinisch nicht notwendigen Behandlungen im Bereich der Zahnästhetik.
„«Natürlich kann KI keine medizinischen Diagnosen stellen oder an therapeutischen Entscheidungen mitwirken. Doch sie kann eine grosse Hilfe bei mehr oder weniger monotonen Aufgaben sein.»“
Wie stehen Sie zu solchen Behandlungen?
Zahnästhetische Behandlungen haben eine kommerzielle Dimension. Der medizinische Aspekt bleibt aber bestehen und setzt eine ethische Haltung und eine gewisse Zurückhaltung voraus. Nicht alle derartigen Behandlungen sind riskant, aber einige können die Zähne schädigen, Stichwort «Facetten», wie sie im Ausland angeboten werden: Diese äusserst aggressiven Behandlungen zerstören die Zähne endgültig.
Welche kritischen Faktoren kennzeichnen die aktuellen Tendenzen in der Zahnmedizin in besonderem Mass?
Zu nennen sind in diesem Zusammenhang das wettbewerbsintensive Umfeld sowie der wachsende Trend zur Spezialisierung in zunehmend komplexeren Bereichen. Und natürlich auch die Schnelligkeit, mit der sich die technologischen Entwicklungen und die Digitalisierung vollziehen. Zu beobachten sind ausserdem der immer höhere Verwaltungsaufwand und ein Gefühl der Überregulierung. Die Einhaltung der Vorgaben zu Qualitätskontrolle, Strahlenschutz, Lernendenausbildung, Datenschutz oder Lagerhaltung chemischer Produkte bringen für praktizierende Zahnärztinnen und Zahnärzte eine hohe Zusatzbelastungen mit sich.
Es wird regelmässig über Zahntourismus berichtet. Was können die in der Schweiz praktizierenden Zahnärztinnen der ausländischen Konkurrenz entgegenhalten?
Die Zahnärztinnen und Zahnärzte unseres Landes zeichnen sich aus durch ihr Interesse an Prophylaxe, die hervorragende Ausbildung sowie durch die gesetzlich vorgeschriebene Weiterbildung. Es ist für sie selbstverständlich, ihren Patientinnen und Patienten die für ihre Bedürfnisse am besten geeignete Behandlung zukommen zu lassen und dabei auch die wirtschaftliche Dimension zu berücksichtigen. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Sind die Kosten ein Hindernis für die Behandlung, ist es Sache der Zahnärztinnen und Zahnärzte, weniger kostspielige therapeutische Alternativen vorzuschlagen und Ratenzahlungspläne anzubieten. Die Zahnärztekasse leistet hier ganz unkompliziert Unterstützung.
Wie stehen Sie zum Einzug der künstlichen Intelligenz im zahnmedizinischen Alltag?
Zu den eindrucksvollsten Anwendungen der KI im Bereich der Zahnmedizin gehört die Bilddiagnostik. Es gibt bereits KI-Systeme, die in der Lage sind, Röntgenaufnahmen zu analysieren und Karies nachzuweisen. Generative KI nach dem Vorbild von ChatGPT Arztberichte in Echtzeit noch während der Sprechstunde erstellen können. Natürlich kann KI keine medizinischen Diagnosen stellen oder an therapeutischen Entscheidungen mitwirken. Doch sie kann eine grosse Hilfe bei mehr oder weniger monotonen Aufgaben sein.
„«Es ist zu empfehlen, sich von kompetenten Partnern unterstützen zu lassen und bestimmte Aufgaben wie beispielsweise die Rechnungserstellung auszulagern.»“
Wie können kleinere Zahnarztpraxen und Selbstständige mit der rasanten technologischen Entwicklung Schritt halten?
Es ist wichtig, am Ball zu bleiben, aber nicht zwingend nötig, technisch stets ganz vorne dabei zu sein. Gute Zahnmedizin ist nach wie vor mit klassischen Techniken und bewährten Methoden möglich. Wer nicht gleich auf jeden Trend aufsteigen muss, kann die technologische Entwicklungen gelassen verfolgen und immer wieder prüfen, ob sich allfällige Investitionen auszahlen.
Welche Entwicklungen in der Zahnmedizin werden in Zukunft im Vordergrund stehen?
Meiner Meinung nach werden wir in den nächsten 20 Jahren weiterhin Veränderungen der Behandlungsphilosophie sowie einen konstanten medizinischen Fortschritt erleben. Der Vormarsch von Digitalisierung und KI wird sich fortsetzen. Angesicht neuer wissenschaftlicher Errungenschaften wie Tissue Engineering wird die Implantologie wahrscheinlich an Bedeutung verlieren. Im Übrigen wird die geriatrische Zahnmedizin im Zuge der demografischen Entwicklung ein wesentlicher Bestandteil unserer Tätigkeit sein. Keine einschneidenden Veränderungen sind im Bereich der Praxisorganisation zu erwarten.
Was raten Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, die sich auf ihre Selbstständigkeit vorbereiten?
Der wirtschaftliche Erfolg der eigenen Zahnarztpraxis ist wichtig für deren Fortbestand, aber auch für die persönliche Zufriedenheit der Zahnärztin oder des Zahnarztes. Die Praxis muss genügend Ertrag bringen, um die Mitarbeitenden zu bezahlen, in Weiterbildung und Technologie zu investieren, eine angenehme und hygienische Infrastruktur für die Patientinnen und Patienten zu schaffen und ihnen eine gute Behandlungsqualität zu bieten. Eine leistungsfähige, IT-gestützte Verwaltungsstruktur gehört ebenfalls dazu. Nicht zu unterschätzen ist die Zunahme des administrativen Aufwands, der kaum im Alleingang bewältigt werden kann. Es ist zu empfehlen, sich von kompetenten Partnern unterstützen zu lassen und bestimmte Aufgaben wie beispielsweise die Rechnungserstellung auszulagern. Von fundamentaler Bedeutung ist es, für das Praxisteam eine attraktive Arbeitsumgebung zu schaffen. Sie ist der Schlüssel für die Mitarbeiterzufriedenheit, die sich auch auf die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten auswirkt. Es geht auch darum, sich den eigenen Enthusiasmus und das Engagement während der gesamten beruflichen Laufbahn zu erhalten und stets auf das persönliche Gleichgewicht zu achten. Und das ist manchmal leichter gesagt als getan.